Greifswald soll einen Hauptbahnhof bekommen

Hauptbahnhof Greifswald
Hauptbahnhof Greifswald

Wer keine Arbeit hat, der macht sich welche, beziehungsweise der Stadtverwaltung, die dank einer Mehrheit von 27 Stimmen in der Bürgerschaft nun mit der Deutschen Bahn AG über die Umbenennung des Greifswalder Bahnhofes verhandeln soll. Als Beweggrund wurde angegeben, dass dieser schon seit Jahren im allgemeinen Sprachgebrauch als Hauptbahnhof bezeichnet wird. Interessanterweise beriefen sich die Antragsteller auf die schon vorgenommenen Umbenennungen Bahnhöfe anderer Städte. Im Speziellen wurden die in den letzten Jahren als sogenannte Hauptbahnhöfe geadelten Bahnhöfe von Stralsund und Wolfsburg in der vorgebrachten Argumentation hervorgehoben. Nur leider hat diese Geschichte einen mehr als kleinen Haken, denn der zukünftige Hauptbahnhof kann sich mit den beiden genannten Bahnhöfen absolut nicht messen.

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Ein Blick in die Bahnhofskategorieliste 2012 der Deutschen Bundesbahn AG reicht aus, um die unterschiedliche Relevanz dieser Bahnhöfe zu erkennen. Die mehr als fünftausend Bahnhöfe in Deutschland werden in dieser jedes Jahr neu bewertet und in sieben Kategorien eingeteilt. Je mehr Ausstattung ein Bahnhofsgebäude vorzuweisen hat, je mehr Fahrgäste ihn benutzen, je mehr Züge an ihm anhalten und umso größer er ist, um so höher wird ein Bahnhof eingestuft. Die beste Kategorie ist die 1 die niedrigste Kategorie die 7. Während der Hauptbahnhof von Wolfsburg mit 2 eingestuft wurde, besitzt der Hauptbahnhof von Stralsund nur noch die Kategorie 3. Blättert man nun mal ein wenig in den Unterlagen der Deutschen Bahn AG findet man auch die Einstufungen der beiden Greifswalder Bahnhöfe. Dass der Greifswalder Bahnhof noch die Kategorie 4 besitzt, liegt an der Tatsache, dass derzeitig noch einige Fernverkehrszüge an ihm halten. Vor ein paar Jahren waren es bedeutend mehr, bei den ständigen Kürzungen beim öffentlichen Personennahverkehr in Mecklenburg-Vorpommern dürften es in den nächsten Jahren deutlich weniger werden. Bei der Sanierung des Gebäudes wurde zwar viel Geld in die Umgestaltung gesteckt, zumutbare öffentliche Bedürfnisanstalten findet man heutzutage aber immer noch nicht vor.

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Der Bahnhof-Süd wiederum glänzt durch Minimalismus, wenn man die dort vorzufindende Ausstattung einmal genauer bewertet. Auf jedem Bahnsteig gibt es gerademal ein kleines Wartehäuschen, welche den dort wartenden Fahrgästen bei schlechtem Wetter keinen ausreichenden Schutz bieten können. Bis jetzt hat noch nicht einmal ein Fahrkartenautomat auf dem Bahnhof Greifswald-Süd seinen Platz gefunden. Die Kategorie 6 kann dieser Bahnhof eigentlich nur durch den während der Woche auftretenden Berufsverkehr begründen, ansonsten unterscheidet ihn nur noch wenig von den Bahnhöfen mit der Einstufung 7. Diese sind übrigens nur einfache Bedarfshalte, von denen es in Mecklenburg-Vorpommern auch einige gibt. Hätte der Bahnhof Greifswald-Süd kein Wartehäuschen, würde er sich von diesen optisch nicht mehr unterscheiden, denn dort befindet sich nur ein Schild, damit der Lokführer weiß, wo er anhalten muss. Allein aus diesem Grund kann man nicht ernsthaft behaupten, dass die Hansestadt Greifswald zwei Bahnhöfe hat, es sind doch wohl eher ein Bahnhof und eine Haltestelle.

Auch ein Blick nach Berlin dürfte reichen um eine allgemeine Tendenz für Hauptbahnhöfe verneinen zu können, denn erst nach dem Ausbau des Lehrter Bahnhofs bekam Berlin 2006 erst seinen ersten richtigen Hauptbahnhof, wenn man vom Ostbahnhof einmal absieht, welchen die Deutsche Reichsbahn erst im Jahre 1987, und anscheinend auch politisch motiviert, zum Hauptbahnhof der Stadt Berlin erklärte. Auch das vorgebrachte Argument mit dem erheblichen Kummer verursachenden Online-Fahrplanauskunft klingt sehr skurril und ist eher ein Beweis für die Nichtnutzung des öffentlichen Nahverkehrs durch viele Mitglieder der Greifswalder Bürgerschaft. Wann die Universitäts- und Hansestadt Greifswald nun ihren offiziellen Hauptbahnhof bekommt, liegt nun im Verhandlungsgeschick der Stadtverwaltung. Zumindest steht schon die Tatsache fest, dass die Deutsche Bahn AG für die bei der Umbenennung entstehenden Kosten eine Rechnung ins Rathaus schicken wird.