Theater Vorpommern – Die Zofen

Theater Greifswald
Theater Greifswald

Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst, so bekam auch Jean Genet seine Inspiration für Die Zofen durch ein Verbrechen. Schauplatz dieser Tat war die französische Provinzstadt Le Mans wo Christine und Léa Papin ihre Dienstherrin und deren Tochter brutal ermordeten. Als René Lancelin am Abend des 2. Februar 1933 nach Hause kam, dürfte der ihm gebotene Anblick alles andere als schön gewesen sein. Vor ihm liegen seine Frau und seine Tochter, tot und zerhackt. In den beiden Köpfen fehlen die Augen, die wurden den beiden vor ihrer Ermordung von den Täterinnen ausgekratzt. Die wiederum befinden sich völlig unbeteiligt in ihrem Zimmer, als ob rein gar nichts vorgefallen wäre. Der Fall machte seinerzeit große Schlagzeilen, so unerklärlich die Gewalt, so merkwürdig die Umstände, die Presse hatte etwas auf das sie sich stürzen konnte. Was bewog die beiden Schwestern diese brutale Tat auszuführen? Jean Genet faszinierte diese Geschichte so sehr, dass er diese in seiner Tragödie Les bonnes verarbeitete, welche schon bei deren Uraufführung im Théâtre de l’Athénée Paris für skandalöse Schlagzeilen gut war.

Was bewog die beiden Schwestern zu dieser Tat? Aufgewachsen ohne die Liebe ihrer Mutter, welche die Kontrolle über ihre Kinder nicht verlieren will, sie deshalb ständig bei anderen Pflegeeltern unterbringt. Dadurch entwickelten die Mädchen keine wirkliche Bindung zu anderen Menschen, sie fixieren ihre Gefühlswelt aufeinander. In ihrer Welt war kein Platz für andere Leute, sie waren aufeinander fixiert. An dieser Stelle kommt ein Folie à deux in Spiel, ein induzierter Wahn, bei der eine Person die Wahnvorstellungen einer ihr emotional nahestehenden Person übernimmt, die auftretende psychotische Störung quasi zu einer gemeinsamen wird. Durch das gemeinsame Erleben dieser Wahnvorstellung verstärkt sich diese und kann wie in dem Fall der beiden Schwestern zu dieser grausamen Tat führen. Die Wissenschaft sieht unter anderem eine soziale Isolation als einen der Auslöser dieser Geistesstörung, eine Tatsache, die man auch in diesem Fall erkennen kann.

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Die beiden Zofen Claire (Susanne Kreckel) und Solange (Josefine Schönbrodt) in Jean Genets Stück verfügen über einen ähnlich gelagerten Hintergrund. Zwei Zofen, die ihre untertänige Arbeit abgrundtief hassen. Einen Hass, den sie letztendlich auch auf ihre Dienstherrin (Gabriele M. Püttner) projizieren werden. In geheimen Rollenspielen, bei denen jeweils eine der beiden Zofen die Rolle der Herrin übernimmt, entfliehen sie aus ihrem tristen Alltag in eine Fantasiewelt, eine Welt, in der sie schließlich beschließen, die gehasste Herrin zu vergiften. In ihrer halluzinatorischen Paranoia bereiten sie die Tat vor … Ebenso klein wie die Welt der beiden Zofen fällt das von Julia Ries gestaltete Bühnenbild aus, dass ringförmig gestaltet, die auf sich fixierte Umwelt minimalistisch darstellt. Inszeniert wurde das Theaterstück von der Gastregisseurin Sabine Kuhnert, welche damit zum ersten Mal am Theater Vorpommern in Erscheinung tritt, nachdem sie unter anderem am Theater der Altmark Stendal Thelma und Louise auf die Bühne brachte. Die Dramaturgie übernahm Franz Burkhard, den zumindest die Stammgäste der Soljanka gut kennen sollten.

Premieren
7. März 2013 – Gustav-Adolf-Saal Stralsund
14. März 2013 Rubenowsaal Greifswald
23. März 2013 – Theater Putbus
jeweils 20:00 Uhr



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