Länderticket für Mecklenburg-Vorpommern in Richtung Berlin gefordert

Berlin
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Dass die wirtschaftliche Entwicklung der beiden Landesteile von Mecklenburg-Vorpommern einst sehr unterschiedlich verlief, merkt man noch heutzutage, wenn man die Ausrichtung der Bahnlinien betrachtet. Während sich Mecklenburg stark in Richtung Hamburg orientierte, war Vorpommern als Teil der preußischen Provinz Pommern fast vollständig auf die Hauptstadt Berlin ausgerichtet. Noch heute erinnert die bekannte Redewendung „an jeder Milchkanne halten“ an die Zeit, als die pommerschen Rittergüter für die Versorgung der Bevölkerung Berlins mit Lebensmitteln verantwortlich waren. Inzwischen sind mehr als hundert Jahre vergangen, seit die Bahnlinien in Mecklenburg und Vorpommern ihren Betrieb aufnahmen, aber noch immer wiegt das Erbe der ersten Eisenbahnen so schwer, dass eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln fast schon an eine Weltreise erinnert.

Zumutbare Ost-West-Verbindungen kann man mit der Lupe suchen, und seitdem die Südbahn eine große Lücke zwischen Parchim und Malchow aufzuweisen hat, ist auch das südöstliche Mecklenburg von Hamburg abgeschnitten. Vorpommern und auch das östliche Mecklenburg ist dank der Nord-Süd-Führung der Bahnlinien der einstigen Angermünde-Stralsunder Eisenbahn und der Berliner Nordbahn auf Berlin ausgerichtet, was sich aber nicht in der Verkehrspolitik des Landes widerspiegelt, denn die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern verfolgt mit einer stetigen Ausweitung der Metropolregion Hamburg eine Politik, welche die östlichen Landesteile schlechter stellt, denn vergleicht man diese mit der Entwicklung der Metropolregion Stettin, welche sich in den letzten Jahren fast nur mit positiven Bekundungen hervorgetan hat, bleibt von der grenzüberschreitenden Entwicklung im Osten des Landes nicht viel übrig.

Die unterschiedliche Wertung der beiden Landesteile wird übrigens auch in der Gestaltung der Ländertickets sichtbar, denn während man mit dem Mecklenburg-Vorpommern Ticket bis nach Hamburg kommt, endet die Fahrt im Osten schon in Pasewalk, vor der Landesgrenze nach Brandenburg. Dieses könnten die Vorpommern verschmerzen, gäbe es da nicht das Schleswig-Holstein-Ticket, welches ehrlicherweise eigentlich Schleswig-Holstein-Mecklenburg-Vorpommern-Ticket heißen müsste, denn dieses Ticket gilt nicht nur in Schleswig-Holstein und Hamburg, sondern auch im gesamten Geltungsbereich des Mecklenburg-Vorpommern-Tickets, und das übrigens für nicht viel mehr Geld als für das Mecklenburg-Vorpommern-Ticket verlangt wird, denn bei fünf Personen kostet dieses Ticket nur zwei Euro mehr. Für die Region Vorpommern ist dieses Angebot dank der schlechten Verbindungen mehr als unattraktiv. Als ein gutes Beispiel bietet sich hier die Hansestadt Anklam an, die inmitten im Landkreis Vorpommern-Greifswald gelegen, eine doppelt so lange Reisezeit nach Hamburg als nach Berlin vorzuweisen hat.

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Es ist aber nicht nur die Fahrzeit die länger ausfällt, es sind auch die Kosten, die keinem Vergleich standhalten, den man als gerecht einstufen könnte, denn während man mit dem Mecklenburg-Vorpommern-Ticket bis nach Hamburg kommt, muss man nicht nur das Mecklenburg-Vorpommern-Ticket erwerben, wenn man von Vorpommern aus nach Berlin möchte, sondern auch noch das Brandenburg-Berlin-Ticket, was die Fahrt, trotz einer viel geringeren Distanz deutlich teurer werden lässt. Im günstigen Fall sind dieses „nur“ sechsundsechzig Prozent, im ungünstigsten Falle sogar schon mehr als das Doppelte, welche die Ostteil lebenden Vorpommern mehr bezahlen müssen, um mittels der sogenannten Ländertickets in die nächstgelegene Metropole zu kommen. An diese Stelle sollte man noch einmal an die im Grundgesetz angestrebte Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse im Bundesgebiet erinnern, die in diesem Fall offensichtlich nicht mehr gegeben ist.

Tarif 1 2 3 4 5
Mecklenburg-Vorpommern-Ticket 23.00 € 27.00 € 31.00 € 35.00 € 39.00 €
Schleswig-Holstein-Ticket 28.00 € 31.00 € 34.00 € 38.00 € 41.00 €
Brandenburg-Berlin-Ticket 29.00 € 29.00 € 29.00 € 29.00 € 29.00 €
MV-Ticket + BB-Ticket 52.00 € 56.00 € 60.00 € 64.00 € 68.00 €
Preisaufschlag MV+BB-Ticket : MV-Ticket +126% +107% +93% +83% +74%
Preisaufschlag MV+BB-Ticket : SH-Ticket +85% +80% +76% +68% +66%

Die Landkreise Vorpommern-Greifswald und Vorpommern Rügen gehören laut den offiziellen Statistiken zu den ärmsten Regionen Deutschlands, ein großer Teil der Studentenschaft der Greifswalder Universität stammt aus den östlichen Bundesländern inklusive Berlin. Von einem leistungstechnisch mit dem Schleswig-Holstein-Ticket vergleichbaren bundesländerübergreifenden Angebot der Deutschen Bundesbahn für das Gebiet Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg-Berlin würde nicht nur die Region Vorpommern und das östliche Mecklenburg, sondern auch Berlin und Brandenburg profitieren, da durch die dann günstigeren Bahntarife nicht nur der Tagestourismus in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin attraktiver würde, da die klammen Haushaltskassen finanzschwächerer Menschen und Familien deutlich entlastet würde, sondern auch die Studienorte Greifswald, Stralsund und Neubrandenburg wären deutlich preiswerter zu erreichen. Eine Fahrt mit Bahn würde so wieder zu einer günstigen Alternative zu den Fernbussen werden, die nur von wenigen Orten aus nach Berlin fahren und zudem auch nicht einmal barrierefrei sind.

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Am 7. März wird mit der Drucksache 06/944 ein entsprechender Antrag im Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus und Kultur und einen Tag später im Ausschuss für Bildung, Universität und Wissenschaft behandelt, bevor er am 3. April die Mitglieder der Greifswalder Bürgerschaft beschäftigen wird. Dieser von der SPD-Fraktion in die Bürgerschaft eingebrachte Antrag soll letztendlich die für die Landkreise Vorpommern-Greifswald und Vorpommern-Rügen zuständigen Landtags- und Bundestagsabgeordneten dazu bewegen, sich für entsprechende Verhandlungen zwischen dem Land Mecklenburg-Vorpommern und der Deutschen Bundesbahn AG einzusetzen.