polenmARkT 2018

Klezmafour
Klezmafour

Einige Umschreibungen sind manchmal doch sehr unpassend, denn wenn die Musiker der polnischen Formation Klezmafour wie Tornados über die Bühne wirbeln sollten, wie es bei der letzten Konzertankündigung zu lesen war, müsste die Bühne danach einen verwüsteten Eindruck vermitteln. Sehr viel Passender wäre dann doch der Vergleich mit einem Flummi, denn wenn die beiden Brüder Andrzej und Wojciech Czaplinski anfangen zu spielen, werden sie eins mit ihrer Musik und versprühen deren kraftvolle Energie mit einem höchst körperlichen Einsatz. Wer vor ein paar Jahren, genauer gesagt am 25. November des Jahres 2013, auf ihrem Konzert im St. Spiritus war, dürfte es ebenso ergangen sein, denn dass Klezmafour nicht in der Lage wären, mit Leichtigkeit das anwesende Publikum mit ihrer Begeisterung anzustecken, kann man nach diesem Abend wohl guten Wissens verneinen. Ebenso wie die beiden Brüder, tanzte fast das ganze Publikum mit einer solchen Begeisterung, welche denen der Musiker in nichts nachstand.

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War zu diesem Zeitpunkt Klezmafour außerhalb ihres Heimatlandes noch relativ unbekannt, ihre ersten Auftritte hatte die Band im Jahre 2010, entwickelte sich ihre Karriere seitdem sehr positiv. Neben zahlreichen Auftritten auf internationalen Festivals, arbeiteten sie mit dem Stettiner Sinfonieorchester zusammen, und präsentierten ihre Musik in einer orchestrierten Fassung unter anderem auf der Sail Szczecin. Entstanden ist übrigens dabei das Album Klezmafour Orkiestronicznie. Ob ihr nächster Auftritt in Greifswald etwas ruhiger wird, darf bezweifelt werden. Was man aber mit Sicherheit sagen kann, ist die Tatsache, dass es sich bei diesem Konzert mit dem Tanzen etwas schwieriger gestalten wird, denn dieses wird nicht wie beim letzten Mal im St. Spiritus, sondern im Greifswalder Theater stattfinden, wo man bekanntlich sitzen muss.

Sitzfleisch braucht man für gewöhnlich auch bei der feierlichen Eröffnung des polenmARkT, was sich aber mit dem langen Anstehen beim anschließenden Empfang etwas relativiert. Die wenigste Zeit nimmt davon die Verleihung des Förderpreises für deutsch-polnische Zusammenarbeit an der Universität Greifswald ein, deren jeweilige Empfänger erst auf der Eröffnungsveranstaltung bekanntgegeben werden. Bekannt ist dafür die polnische Autorin, aus deren Buch Poniemieckie einige Passagen vorgetragen werden. Die Rede ist von Karolina Kuszyk, welche sich in ihrem Buch mit der Aufarbeitung der Geschichte in den ehemaligen deutschen Ostgebieten beschäftigt. Geboren im niederschlesischen Legnica, dem einstigen Liegnitz, kam sie mit den Spuren der früheren deutschen Bewohner in Berührung. Es waren die ganz banalen Dinge, welche ihre aus dem Gebiet um Lemberg vertriebene Großmutter, aber nicht nur diese, in das Leben in ihrer neuen Heimat integrierte.

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So fanden den Häusern sich Alltagsgegenstände wieder, welche die früheren Bewohner hinterlassen haben. Diese hatten für sie ein Geheimnis an sich, denn über einige Themen, wie die Geschichte der Deutschen, wurde im sozialistischen Polen nicht geredet. So wirkten die verschiedenen Dinge fremd, aber zugleich vertraut. Und so wird eine alte Fayance-Schüssel, zu einem Objekt in ihrer Erzählung, auf deren Boden sie ein Hakenkreuz entdeckt. Erst als sie Legnica verlässt, um in Warschau zu studieren, wird ihr die Geschichte ihrer Heimatstadt erst bewusst. Mit Aufarbeitung eines Kapitels der polnischen Geschichte, welches verschwiegen wurde, nähert sie sich diesem auf eine persönliche Art und Weise, in der selbst solch banalen Dinge wie ein alter Aschenbecher etwas zu erzählen haben. Und so wird aus dem negativ belegten Thema Flucht und Vertreibung ein wohl unterhaltsamer Abend.

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Auch in diesem Jahr bietet der polenmARkT viel zu entdecken, denn Polen ist auch musikalisch gesehen für viele Leute ein weißer Fleck auf der Landkarte Europas. Damit dieser etwas Farbe bekommt, ist in diesem Jahr die Band Volosi in Greifswald zu erleben. Die fünf Musiker sind musikalisch beheimatet in den Klangwelten der Karparten und haben sich seit der Gründung ihrer Band einen guten Ruf als Weltmusiker erarbeitet. Wer dann doch lieber etwas jazzigere Klänge mag, sollte Marek Napiórkowski auf dem Schirm haben, der als einer der bekanntesten Jazzgitarristen Polens gilt. Bei seinem Auftritt in Greifswald unterstützen ihn der Schlagzeuger Czarek Konrad und der Bassist Robert Kubiszyn. Vervollständigt wird das diesjährige Programm mit mehreren Vorträgen, Lesungen und Ausstellungen. Zu letzteren gehört die im Pommernhus präsentierte Gemeinschaftsausstellung Grenzüberschreitender Horizont mit Malereien und Fotografien von zwanzig Künstlern aus Polen.

Programm (Höhepunkte)

Donnerstag 15. November 2018
18:00 Uhr Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Feierliche Eröffnung & Lesung mit Karolina Kuszyk
Sonntag 18. November 2018
19:30 Uhr Theater Vorpommern Klezmafour – Der Zauber des Klezmer
Mittwoch 21. November 2018
20:00 Uhr St. Spiritus Marek Napiórkowski Trio
Samstag 24. November 2018
17:00 Uhr Pommernhus Grenzüberschreitender Horizont
20:00 Uhr St. Spiritus Volosi und Abschlussparty mit Warsaw Balkan Madness