Eine geschlossene Gesellschaft? DDR-Filme im Spannungsfeld zwischen Staatsauftrag und Kunst

Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald
Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald

Im Dezember 1965 kam es 11. Plenum des ZK der SED zu einer Art Stellvertreterkrieg, bei dem sich die politischen Hardliner gegen Walter Ulbricht durchsetzen konnten und dessen liberaler Kulturpolitik nach dem Mauerbau ein jähes Ende setzten. Mit seiner Rede, mit der er verschiedenen Kulturschaffenden Dekadenz und Staatsfeindlichkeit vorwarf, meinte Erich Honecker indirekt auch die politische Führung, welche mit ihrem Handeln den alleinigen Führungsanspruch der SED aufgab, ein Verhalten was auch in Moskau nicht unbedingt gut ankam. Bekanntlich konnte sich Erich Honecker ein paar Jahre später mit dem Segen von Nikita Chruschtschow an die Macht putschen. Nach dem 11. Plenum des ZK der SED saß Walter Ulbricht jedenfalls nicht mehr so ganz fest im Sattel, schließlich erreichten seine Gegner ein Ende seiner Kulturpolitik, welches darin gipfelte, dass zahlreiche Filme der DEFA im Giftschrank landeten und teilweise erst wieder nach der Wende gezeigt werden konnten.

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Mit Heiner Carows Die Russen kommen und Herrmann Zschoches Karla sind es gleich zwei der zu DDR-Zeiten verbotenen Filme, die im Fokus des ersten Greifswalder DDR-Filmforums stehen werden. Da das Filmforum durch das Alfried Krupp Wissenschaftskolleg organisiert wird, steht bei diesem eine Aufarbeitung unter wissenschaftlichen und historischen Aspekten im Vordergrund, die zum einen durch Greifswalder Wissenschaftler und sachkundige Gäste bewerkstelligt werden. Zu letzteren gehört Dr. h.c. Ralf Schenk von der DEFA-Stiftung, der am letzte Abend des Festivals über die Flügelkämpfe innerhalb der SED und deren Auswirkungen auf die Filme der DEFA referieren wird, bevor mit Die Russen kommen ein Film gezeigt wird, der erst im Jahre 1987 den Giftschrank verlassen konnte, nachdem er nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings in diesem verschwand. In diesem fand sich auch der von Herrmann Zschoche gedrehte Film Karla wieder, in dem eine junge Lehrerin ihren Schülern kritisches Denken beibringen möchte, was der Ideologie des Arbeiter- und Bauernstaates zuwider war.

Das cineastische Plädoyer für Meinungsfreiheit hatte in den Augen der Machthaber dann doch mehr als nur einen Tick zu viel geistige Freiheit zu bieten. Die Auswahl der Filme des Filmforums mit dem bezeichnenden Titel Eine geschlossene Gesellschaft? DDR-Filme im Spannungsfeld zwischen Staatsauftrag und Kunst hat aber mehr als nur Kost aus dem Giftschrank, denn im besagten Spannungsfeld entstanden auch Filme, welche den Ansprüchen der Oberen genügten. Ein Beispiel ist die Literaturverfilmung Die Verlobte mit Jutta Wachowiak in der Hauptrolle. In dieser spielt sie eine junge Kommunistin, welche gegen die Faschisten kämpft und nach einer Verurteilung ihr Leben im Zuchthaus fristen muss. Wer zum Eröffnungsabend kommt, kann an diesem die Hauptdarstellerin des gezeigten Films leibhaftig erleben, denn anlässlich des Filmforums wird Jutta Wachowiak nach Greifswald kommen. Der Eintritt zu den Veranstaltungen des Filmforums ist übrigens kostenlos.

Programm

Freitag
08. Februar 2019
18:00 Uhr
Alfried Krupp Wissenschaftskolleg
Die Verlobte
DDR 1980
Regie: Günter Reisch, Günther Rücker
Moderation: Jürgen Meier und Dr. Christian Suhm
Gast: Jutta Wachowiak
Samstag
09. Februar 2019
19:00 Uhr
Brasserie Hermann
Goya
DDR/Sowjetunion 1971
Regie: Konrad Wolf
Moderation: Dr. Christian Suhm
Dienstag
12. Februar 2019
19:00 Uhr
Brasserie Hermann
Geschlossene Gesellschaft
DDR 1978
Regie: Frank Beyer
Moderation: Frank-Michael Moser
Freitag
15. Februar 2019
18:00 Uhr
Alfried Krupp Wissenschaftskolleg
Karla*
DDR 1965 / 1990
Regie: Herrmann Zschoche
Moderation: Dr. habil. Heide Volkening
Dienstag
19. Februar 2019
19:00 Uhr
Brasserie Hermann
Ich war neunzehn
DDR 1967
Regie: Konrad Wolf
Moderation: Jürgen Meier
Mittwoch
20. Februar 2019
18:00 Uhr
Alfried Krupp Wissenschaftskolleg
Die Partei erlaubt, die Partei verbietet. Von Flügelkämpfen, Hoffnungen und Hardlinern in einer uneinheitlichen Einheitspartei, am Beispiel einiger DEFA-Filme
Dr. h. c. Ralf Schenk (DEFA-Stiftung)
Die Russen kommen*
DDR 1968 / 1987 / 2016
Regie: Heiner Carow
Moderation: Dr. Christian Suhm


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