Warum die nächste Bürgerschaft noch weniger repräsentativ sein wird

Stimmzettel
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Die dreiundvierzig Plätze in der Greifswalder Bürgerschaft werden am 26. Mai neu vergeben, nur wurde vor ein paar Monaten die Chance vertan, die Grundlagen für eine etwas repräsentativere Zusammensetzung zu schaffen, als es darum ging, den Zuschnitt der neuen Wahlbezirke festzulegen. Aus den zuvor vier Wahlbezirken machte man drei und übernahm dafür die Aufteilung des Stadtgebietes für die Kreistagswahl. Doch statt diese Wahlbezirke noch einmal zu halbieren, um den einzelnen Stadtteilen deutlich mehr Gewicht zu verleihen, beließ man es bei dieser Lösung, da man sonst die Südstadt von Schönwalde I/Südstadt einem anderen Wahlbezirk hätte zuordnen müssen, da die Einwohnerzahl des Stadtteils größer als die der Wahlbezirke gewesen wäre.

Und so hat man nun einen riesigen Wahlzettel vor sich liegen, auf dem man die Namen der Leute suchen muss, denen man eine Stimme geben möchte, oder wenn man keinen der Kandidaten wirklich kennt, es sich einfach macht und nur die jeweiligen Parteien oder Listen mit Stimmen beglückt. Und dieses geschieht dann für gewöhnlich meist ganz weit oben. Die Wahrscheinlichkeit durch eine obere Platzierung gewählt zu werden, ist deutlich größer als, irgendwo beim Füllmaterial der Listen.

Diejenigen, welche es trotz einer unauffälligeren Platzierung in die alte Bürgerschaft geschafft haben, musste man mit der Lupe suchen, durch die größeren Wahlkreise wird es für viele nun noch etwas schwieriger als bisher, aus der Masse heraus den Einzug in die Bürgerschaft zu schaffen. Problematischer ist dabei eher die Repräsentanz der jeweiligen Stadtteile in der Bürgerschaft, denn diese war bisher alles als repräsentativ, was man an Entscheidungen wie beispielsweise bei der nicht unbedingt gerechten Ausgestaltung des Bürgerhaushaltes oder der sehr knappen Zustimmung für den kostenlosen Eintritt ins Strandbad Eldena gut sehen konnte.

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Nur waren bisher diese Stadtteile personell nicht vertreten, der Einzige, der sich immer lautstark für seinen Stadtteil stark gemacht hatte, war Peter Multhauf, der in den kommunalpolitischen Ruhestand gegangen wurde. Wie wenig aus der hiesigen Parteienlandschaft das Label Volkspartei verdienen, kann man gut sehen, wenn man sich den Anteil der in den jeweiligen Wahlbezirken ansässigen Kandidaten anschaut, eine Zahl, die zwar nur einen sehr groben Überblick bietet, schon mal eine Tendenz aufzeigt, die dann doch sehr eindeutig ist.

Anteil in Prozent

Liste Wahlbezirk 1 Wahlbezirk 2 Wahlbezirk 3
CDU
 
 
 
SPD
 
 
 
Die Linke
 
 
 
FDP
 
 
 
Grüne
 
 
 
AfD
 
 
 
AL
 
 
 
Bürgerliste
 
 
 
FPA
 
 
 
KfV
 
 
 
Tierschutzpartei
 
 
 
GW
 
 
 

Vergleicht man nun einmal den Wahlbezirk I mit dem Wahlbezirk II in Bezug auf die Zusammensetzung der Listen, fällt ein deutliches Ungleichgewicht auf. Die meisten der im Wahlbezirk I antretenden Kandidaten wohnen in der Innenstadt beziehungsweise deren Vorstädten, also im Wahlbezirk I, ausgenommen der Fettenvorstadt, die zum Wahlbezirk II gehört, und das Bild etwas verzerrt. Den größten Anteil am Wahlbezirk II hat der Stadtteil Schönwalde I/Südstadt in dem übrigens fünf der insgesamt hundertvierundachtzig Kandidaten leben.

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Aus Greifswalds größten Stadtteil, in dem 19,7 Prozent der Einwohner leben, finden sich gerade einmal 2,7 Prozent auf den Listen wieder. Schönwalde II steht nur etwas besser da, hat aber ebenso wenig gute Aussichten personell in der nächsten Bürgerschaft vertreten zu sein. Besser steht das Ostseeviertel da, da zumindest ein paar aussichtsreichere Kandidaten beheimatet sind. Allesamt werde die größten Stadteile höchstwahrscheinlich keine Stimme haben, denn da schon allein die oft stadtteilfremden Spitzenkandidaturen eine Stimmenhäufung produzieren, die das zu verhindern wissen.

Top 2 (Wahlbezirk)

Liste Wahlbezirk 1 Wahlbezirk 2 Wahlbezirk 3
CDU
 
 
 
SPD
 
 
 
Die Linke
 
 
 
FDP
 
 
 
Grüne
 
 
 
AfD
 
 
 
AL
 
 
 
Bürgerliste
 
 
 
FPA
 
 
 
KfV
 
 
 
Tierschutzpartei
 
 
 
GW
 
 
 

Bricht man diese Betrachtung auf die einzelnen Stadtteile herunter, bietet sich ein noch eindeutigeres Bild. Gutplatzierte Kandidaten aus Schönwalde I/Südstadt und Schönwalde II finden sich nur bei der Tierschutzpartei wieder, im Ostseeviertel werden sie durch SPD und Grüne verstärkt. Völlig anders sieht es für Eldena aus, wo sich dank CDU, SPD, Linke und KfV gleich vier Kandidaten aus dem Stadtteil auf den ersten drei Plätzen der jeweiligen Listen wiederfinden.

Top 3 (Stadtteil)

Liste Schönwalde I/
Südstadt
10740 EW
Schönwalde II
9653 EW
Ostseeviertel  
6075 EW
CDU
 
 
 
SPD
 
 
 
Die Linke
 
 
 
FDP
 
 
 
Grüne
 
 
 
AfD
 
 
 
AL
 
 
 
Bürgerl.
 
 
 
FPA
 
 
 
KfV
 
 
 
Tier.
 
 
 
GW
 
 
 
Liste Eldena
2242 EW
Wieck/Ladebow
1099 EW
Riems
545 EW
CDU
 
 
 
SPD
 
 
 
Die Linke
 
 
 
FDP
 
 
 
Grüne
 
 
 
AfD
 
 
 
AL
 
 
 
Bürgerl.
 
 
 
FPA
 
 
 
KfV
 
 
 
Tier.
 
 
 
GW
 
 
 

Der Wohnort ist, wie übrigens auch das Geschlecht, kein Ausdruck irgendwelcher Kompetenz, der Wohnort ist aber als soziologischer Aspekt bei vielen Entscheidungen wichtig. Das kann man wunderbar im Kreistag sehen, in dem für das flache Land die Kreisstadt Greifswald eine Art Feindbild darstellt, dem man sprichwörtlich das Schwarze unter den Fingernägeln nicht gönnt, was man gut in der Diskussion über das Schülerfreizeitticket sehen konnte. In der Greifswalder Lokalpolitik ist es nicht ganz so auffällig, aber wenn es darum geht Dinge zu priorisieren, dann wird ganz schnell aus einer objektiven Entscheidung eine subjektive Entscheidung, nämlich dann, wenn es einen selbst betrifft.

Wer selber Auto fährt, interessiert sich weniger für den ÖPNV, für einen kostenlosen wahrscheinlich noch weniger … Wer zum Baden an die Ostseeküste fährt, braucht kein kostenloses Strandbad in Eldena … Wer kulturell völlig desinteressiert ist, benötigt kein Theater … Wer in der Innenstadt wohnt, interessiert sich nicht unbedingt für die notwendige Sanierung des Humboldt-Gymnasiums … und … und … und … Die aufgrund der personellen Ausgestaltung Wahllisten und statistischen Erfahrungen zu erwartende Zusammensetzung der neuen Greifswalder Bürgerschaft wird wohl nicht unbedingt ein repräsentativeres Bild der Stadt als die alte Bürgerschaft darstellen, dann wohl doch eher das Gegenteil.



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