Theater-Hanse 2019

Theater Stralsund
Theater Stralsund

Vor etwa zwei Jahren war es das Stück Bóg Nizynski vom Teatr Wierszalin, mit dem der damals noch recht junge Theater-Hanse Stralsund e.V. einen vom Publikum begeistert aufgenommenen Ausblick auf das zukünftige Theaterfestival geben wollte, welches die Hansestadt Stralsund als Mittelpunkt einer internationalen Kooperation der Theater des Ostseeraumes rücken soll. Mit der als Biennale organisierten Veranstaltung soll der Geist der Hanse im kulturellen Sinne wiederbelebt werden und die Länder des Ostseeraums mit Hilfe des Theaters zusammenwachsen. In der Zeit vom 26. bis zum 29. September kann man die nach Auffassung der Jury einige der interessantesten und innovativsten Produktionen aller Theatersparten aus dem Ostseeraum auf den Stralsunder Bühnen des Theater Vorpommern erleben. Diese besteht derzeitig aus dem Intendanten des Theater Vorpommern Dirk Löschner, dem Verlagsleiter der Theater der Zeit Harald Müller und dem Theaterkritiker und Literaturwissenschaftler Dr. Thomas Irmer. Diese haben sich in der Theaterlandschaft entlang der Ostseeküste umgeschaut und ein Programm zusammengestellt, welches hauptsächlich Beiträge aus der Sparte Schauspiel zu bieten hat.

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Den Anfang macht das Theaterfestival aber mit bewegten Bildern der anderen Sorte, denn Volker Koepps cineastischer Blick auf die Ostsee und seine Bewohner namens Seestück soll Appetit auf das übrige Programm machen. Bekannt wurde Volker Koepp durch seine Dokumentarfilme, die hauptsächlich Deutschland und Osteuropa thematisieren. Mit seiner Dokumentation der Landschaften des ehemaligen Ostpreußen Holunderblüte sammelte er viele Preise. In seinem letzten Werk Seestück werden übrigens auch heimische Gefilde zu sehen sein, wenn Prof. em. Dr. Michael Succow als Protagonist die renaturierte Landschaft bei Greifswald thematisiert. Der Kivikasukas, ein estnischer Volkstanz, ist der Hintergrund der Geschichte von Peks mõisatallis, dem Stück mit dem das in Tartu beheimatete Teatr Must Kast beim ersten Festivalabend vorstellen wird. Übersetzt bedeutet Kivikasukas übrigens Steinjacke. Mit dem Volkstanz, der Ende des 18. Jahrhunderts bei Loksa im Norden von Estland entstand, ist eine Geschichte verbunden, die in den Bewegungen des Tanzes wiederzufinden ist.

Seinerzeit sollte ein Mann mittels Peitschenhiebe bestraft werden. Dieser packte sich ein Schafsfell unter das Hemd, so dass die Strafe für ihn schmerzfrei war und er auf die Schläge nicht reagierte, woraufhin ihn sein Peiniger fragte, ob er ein Hemd aus Stein habe? Als er später im Wirtshaus mit seiner Geschichte prahlte, begannen er und seine Freunde die misslungene Strafe tänzerisch zu verarbeiten … und der Kivikasukas war geboren. Was liegt näher als den wohl estnischsten Tanz in den Mittelpunkt eines Stückes zu stellen, welches die estnische Identität erkunden will. Über eine Gewalt der anderen Art, genauer gesagt die Gewalt des Zweiten Weltkrieges, handelt das Stück 67/871 welches das in St. Petersburg beheimatete Teatr Pokoleniy am Freitagabend zeigt. Das Stück, welches als Gemeinschaftsproduktion mit dem in Berlin ansässigen Drama Panorama e.V. entstand, erzählt siebenundsechzig Geschichten aus den achthunderteinundsiebzig Tagen der Leningrader Blockade, welche Elena Gremina in einr Art Dokumentartheater verarbeitet hat, welche durch ihr in Moskau beheimatete Teatr.doc Bekanntheit erlangte.

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67/871 erzählt von den Perspektiven, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite die Deutschen, für die die Leningrader Blockade keine wirkliche Rolle in der Geschichtsschreibung spielt, auf der anderen Seite die Russen, welche Jahr für Jahr an die Opfer gedenken. Dabei soll nach Aussagen des Theaters 67/871 ein Versuch sein, einen Graben zu überwinden, den der Zweite Weltkrieg seinerzeit gezogen hat. Nicht ganz solange zurück liegt die terroristische Anschläge zurück, den Anders Behring Breivikn im Jahre 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya vollzog. Siebenundsiebzig Menschen kamen seinerzeit ums Leben und hinterließen in Norwegen ein Trauma hinterließ. Für ihr Buch Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders, auf dessen Erkenntnisse das Theaterstück Bezug nimmt, investierte die Journalistin Åsne Seierstad viel Zeit für ihre Recherchen. Auch das Kinderprogramm des Festivals geht in Richtung Drama, wenngleich mit einem humoristischen Einschlag. Mit Karalius Ubas hat das Teatras Lélé aus Vilnius die Geschichte von Alfred Jarry in einer neuen Fassung auf die Bühne gebracht, die am Samstagnachmittag im Gustav-Adolf-Saal zu sehen sein wird.

Mit einer Inszenierung von Benjamin Brittens Oper The Turn of the Screw beendet am Sonntagabend die Opera na Zamku Szczecin die Theater-Hanse. Dem Anspruch des jungen Theaterfestivals dürfte der polnische Beitrag nur allzu leicht gerecht werden, denn schließlich gewann Natalia Babinska mit ihrer Inszenierung den Jan-Kiepura-Musiktheaterpreis 2017 für die beste Operninszenierung. Abgerundet wird das Theaterfestival mit abendlichen Empfängen, auf denen die Theatermacher mit dem Publikum ins Gespräch kommen können. Für diejenigen Theaterfreunde, welche sich alle Aufführungen anschauen möchten, lohnt sich der Erwerb des Festivalpasses für 59.00 Euro. Senioren bezahlen für diesen übrigens nur 52.00 Euro, Studenten sogar nur 39.00 Euro. Zudem fährt am Sonntag ein kostenloser Bus von Greifswald nach Stralsund und zurück. Für die Nutzung des Busses muss man sich aber an der Theaterkasse anmelden.

Programm

26. September 2019 
17:30 Uhr
Theater Stralsund
Seestück
Film von Volker Koepp
26. September 2019
20.30 Uhr
Theater Stralsund
Peks mõisatallis – Prügel im Stall des Herrenhauses
Teater Must Kast Tartu
Empfang des Oberbürgermeisters
27. September 2019
20:00 Uhr
Gustav-Adolf-Saal
67/871
Teatr Pokoleniy St. Petersburg
Empfang des Verlag Theater der Zeit
28. September 2019
16:00 Uhr
Gustav-Adolf-Saal
Karalius Ubu – König Ubu
Teatras Lélé Vilnius
28. September 2019
19:30 Uhr
Alte Eisengießerei
Einer von uns – Spurensuche nach dem 22. Juli 2011
Det Norske Teatret Oslo/Schauspiel Hannover
Empfang Theater Vorpommern
28. September 2019
22:30 Uhr
Alte Eisengießerei
A BALTIC NIGHT
Livemusik
u.a. mit Rubundi (Estland)

29. September 2019
18:00 Uhr
Theater Stralsund
The turn of the screw
Oper von Benjamin Britten (Englisch mit deutschen Übertiteln)
Opera na Zamku Szczecin
Empfang der Störtebeker Braumanufaktur


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