Pommersches Landesmuseum – Heimatkunde

Pommersches Landesmuseum
Pommersches Landesmuseum

Als der Greifswalder Stadtkommandant Rudolf Petershagen und seine Mitstreiter am Abend des 29. April 1945 in Richtung Anklam aufbrachen um mit General Borstschew über die kampflose Übergabe der Stadt Greifswald an die sowjetische Armee zu verhandeln, konnten sie noch nicht ahnen, dass nur dreißig Jahre später die zum Teil mittelalterliche Bausubstanz der Altstadt systematisch zerstört werden sollte. Während sie unter Lebensgefahr zu den Verhandlungen in das brennende Anklam fuhren, um den Greifswaldern dasselbe Schicksal zu ersparen, welches die Bürger aus Pasewalk oder Anklam zuteilwurde, sollte Greifswald neben Bernau bei Berlin zu einer Spielwiede für den sozialistischen Plattenbau werden. Wie groß die Zerstörung in den anderen beiden vorpommerschen Städten gewesen ist, kann man noch heute an den Innenstädten sehen, denn die historischen Stadtkerne wurden damals fast vollständig zerstört und nach dem Krieg nur durch recht eine schlichte Bebauung mit Plattenbauten ersetzt worden. Was der Krieg nicht zerstörte, sollten später die Kader der SED systematisch vernichten.

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Das Problem beim Wohnungsbau der DDR waren die Mietpreise der Wohnungen. Diese waren staatlich festgesetzt und lagen unterhalb der notwendigen Höhe, um die Gebäude in Schuss zu halten. In gewisser Weise handelte es sich um eine schleichende Enteignung der privaten Hausbesitzer, die sich den Unterhalt für ihre Gebäude nicht leisten konnten. Da der Plattenbau staatlich gefördert wurde, hatten die Wohnungen in den historischen Häusern von Greifswald deutlich weniger Wohnkomfort zu bieten. Statt einer bequemen Versorgung mit Fernwärme besaßen die alten Häuser nur Kohleöfen und mangelhafte sanitäre Einrichtungen. Dass die Leute zu dieser Zeit lieber in den Plattenbauten von Schönwalde oder im Ostseeviertel wohnen wollten, kann man ohne Probleme nachvollziehen. Umso maroder die Wohnungen in der Greifswalder Altstadt wurden, umso begehrter waren die Neubauten vor den Toren der Stadt.

An dieser Stelle kommt die Machtergreifung von Erich Honecker ins Spiel, der es sich zur Aufgabe machen sollte, das Wohnungsproblem der DDR-Bürger lösen zu wollen. Mehrere Städte wurden ausgewählt als Musterstadt zu dienen und durch die gewonnenen Erfahrungen den Wohnungsbau der DDR zu lenken. Statt die vorhandenen Gebäude zu Sanieren, sollte die Häuser abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. An dieser Stelle kann man sagen, dass sich die Denkmalschützer zumindest in der Hinsicht durchsetzten konnten, dass das mittelalterliche Straßennetz erhalten blieb und die neuerrichteten Plattenbauten zumindest in Ansätzen historisierende Fassaden bekamen. Dass die alten Fachwerkhäuser verschwanden, die im Nordteil der Altstadt zu finden waren, ist schade, ist aber auch positiv zu werten, da hier die eher bauhistorisch nicht so wertvollen Gebäude zu finden waren. Hätten die Städteplaner mit dem Marktplatz angefangen, wäre viel mehr vom Charme verloren gegangen, den die Alte Hansestadt Greifswald seit Jahrhunderten zu bieten hatte.

Wer in den 70ér und 80ér Jahren noch ein Kind war, kann sich nicht an diese großflächige Zerstörung erinnern, wohl aber die Erwachsenen der Zeit, von denen einige dieses nicht akzeptieren wollten und dagegen ankämpften. Einer dieser Kämpfer für den Erhalt der historischen Bausubstanz in der Greifswalder Altstadt war der im Jahre 1962 geborene Robert Conrad, der als Jugendlicher anfing, den Abriss zu dokumentieren. Dass dieses der DDR-Führung nicht passte, durfte er in seinem Lebenslauf spüren, denn ein Architekturstudium sollte er erst nach der politischen Wende aufnehmen können. Was blieb sind zahlreiche Erinnerungsbilder, welche die Stadt noch zeigen, wie sie existierte. Man sieht Gebäude die es schon lange nicht mehr gibt und man sieht den Verfall der Altstadt, der durch die gezielte Verwahrlosung vorangetrieben wurde. Im Gegensatz zu anderen Bildern, die den desolaten Zustand der Gebäude nach der Wende zeien, dürften diese geschichtlich viel interessanter sein.

Robert Conrad wird im September wieder seine Heimatstadt sehen können, denn das Pommersche Landesmuseum hat seinen Fotografien eine neue Sonderausstellung gewidmet. In der Zeit vom 1. Oktober bis zum 3. März kann man sich auf eine Entdeckungsreise durch die Stadt machen und seine Erinnerungen auffrischen, beziehungsweise Greifswald einmal so sehen, wie man es nicht mehr erleben konnte, da man dafür zu jung war. In dieser Sonderausstellung wird auch auf die staatliche Propaganda eingegangen, welche dieses Wohnungsbauprojekt den Bürgern schmackhaft machen sollte. Für die Eröffnungsveranstaltung am 30. September, die übrigens kostenlos angeboten wird, wird neben dem Fotografen selbst, auch der Oberbürgermeister Dr. Arthur König sowie der Stadtarchivar Uwe Kiel eine Rede halten. Neben Klaviermusik von Hendryk Wörlitz wird man bei dieser Veranstaltung auch das Buch vorgestellt bekommen, in dem die in der Ausstellung gezeigten Bilder zu finden sein werden.

Das Pommersche Landesmuseum hat im Rahmen dieser Sonderausstellung ein kulturelles Rahmenprogramm gestaltet. Neben einer Kunstpause am 3. Oktober, bei der Mario Scarabis, der Kurator Ausstellung, über den Fotografen Robert Conrad und die Altstadt von Greifswald in den 80ér Jahren referieren werden, gibt es mit TafelKultur auch wieder ein kulinarisches Angebot. Bei diesem wird auch Robert Conrad anwesend sein und zusammen mit Mario Scarabis den Besuchern eine Auswahl von Bildern detaillierter vorstellen. Für das leibliche Wohl an diesem Abend hat das Team vom Restaurant Le Croy ein Drei-Gänge-Menü angekündigt, dass aus Entenlebermousse mit Feige und pommerschem Wildkräutersalat, Boddenzander auf Räucheraal-Apfel-Kartoffelstampf mit Nussbuttersauce sowie Birne am Caramelfaden mit Schokoladenblock bestehen wird. Da in diesem Angebot neben dem Ausstellungsbesuch auch zwei Gläser Wein beinhaltet, sehen die dreiundvierzig Euro pro Person auf dem zweiten Blick schon deutlich günstiger aus.

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Auch der nordoststreifen wird sich dem Thema nähern. Zum einem mit dem Dokumentarfilm Vaterlandsverräter von Annekatrin Hendel, in dem es sich um die Lebensgeschichte Paul Gratzik drehen wird, der jahrzehntelang als IM der DDR-Staatssicherheit aktiv war, und dem zweiten Teil des Fernsehfilms Gewissen in Aufruhr beleuchtet man die Zeit der kampflosen Übergabe von Greifswald. In Gewissen in Aufruhr spielt der beliebte Schauspieler Erwin Geschonneck die Rolle von Rudolf Petershagen, ohne den die Übergabe nicht hätte durchgeführt können. Die Sonderausstellung Heimatkunde kann man in der Zeit vom 01. Oktober 2012 bis zum 3. März 2013 während der üblichen Öffnungszeiten des Pommerschen Landesmuseums besichtigen.

Termine

30. September 2012
11:00 Uhr
Eröffnung der Sonderausstellung

03. Oktober 2012
12:00 Uhr
Kunstpause

05. Oktober 2012
19:00 Uhr
TafelKultur

11. Oktober 2012
20:30 Uhr
nordoststreifen – Vaterlandsverräter

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24. Oktober 2012
19:00 Uhr
nordoststreifen – Gewissen in Aufruhr