Een Teppich för’t Leben – 90 Jahre Vorpommersche Fischerteppiche

Fischerteppiche
Fischerteppiche

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1928 war kein gutes Jahr für die Fischer an der südlichen Ostseeküste, schließlich wurde zur Erholung der Fischbestände ein mehrjähriges Fangverbot beschlossen. Was andernorts Arbeitslosigkeit und Armut verursachte, sollte sich für Pommern als ein Glücksfall herausstellen, denn der Greifswalder Landrat Werner Kogge kam auf die Idee, dass die Fischer, die bis dahin ihre Fischernetze selber knüpften, eigentlich auch das Talent für das Knüpfen von Teppichen haben dürften. Auf seine Anzeige meldete sich der aus Wien stammende Rudolf Stundl, der nicht nur den Fischern das Handwerk beibrachte, sondern auch die maritimen Motive entwickelte, durch welche die Pommerschen Fischerteppiche einzigartig waren. Die Teppiche wurden seinerzeit in Heimarbeit auf speziellen Webstühlen gefertigt, welche von Rudolf Stundl entwickelt wurden und die in kargen Fischerhütten Platz fanden.

Als nach den drei Jahren Fangverbot die Unterstützungsgelder für die Fischer gestrichen wurden, übernahm Rudolf Stundl die Verantwortung für die Vermarktung und konnte die Pommerschen Fischerteppiche als Volkskunst etablieren, für die es zahlreiche Liebhaber gab. Auch zur Zeiten der DDR hielt man viel von den Teppichen, die von der im Mai 1953 gegründeten PGH Volkskunst an der Ostsee gefertigt wurden. Auch in dieser arbeiteten die Mitarbeiter in Heimarbeit, zudem wurden weitere Standorte wie beispielsweise Wolgast eröffnet. So kommt es auch, dass das dortige Stadtmuseum eine recht große Sammlung von Fischerteppichen besitzt. Aus politischen Gründen verschwand während dieser Jahrzehnte Pommern aus der offiziellen Bezeichnung der Teppiche, die als Freester Fischerteppiche angeboten wurden.

Neben den bekannten Motiven entstanden auch viele Teppiche mit einer sozialistisch geprägten Bildsprache, welche zu besonderen Anlässen gefertigt wurden. Heutzutage sind es nur noch wenige Leute, die solche Teppiche fertigen, schließlich steckt in diesen Teppichen viel Handarbeit, die auch bezahlt werden möchte. Und so sind es die historischen Fischerteppiche, welche die Geschichte erzählen müssen, die inzwischen neunzig Jahre lang ist. Aus jedem dieser Jahrzehnte wurde für die Ausstellung Een Teppich för’t Leben – 90 Jahre Vorpommersche Fischerteppiche mindestens ein Exemplar gefunden, welches exemplarisch für diese Zeit steht. Leihgeber waren neben der Universität Greifswald und dem Pommerschen Landesmuseum auch Sammler aus Greifswald, welche ihre gewebten Schätze der Öffentlichkeit präsentieren.

Dank der Sächsischen Landesbibliothek Dresden, welche im Besitz der Entwürfe ist, kann man anhand einiger Beispiele sehen, was aus dem Entwurf geworden ist, dank der Kustode der Universität Greifswald zahlreiche Fotografien aus früheren Zeiten. Neben den historischen Exemplaren sind die aktuellen Beiträge für den Stundl-Preis 2019 zu sehen, mit dem künstlerische Arbeiten mit textilen Materialien auszeichnet werden. Die Ausstellung Een Teppich för’t Leben – 90 Jahre Vorpommersche Fischerteppiche wird noch bis zum 12. Juni 2020 in der Galerie des St. Spiritus zu sehen sein. Bis zur nächsten größeren Ausstellung von Fischerteppichen wird es aber noch etwas dauern, denn für diese wurde das hundertjährige Jubiläum ins Auge gefasst.