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Fake News oder Wie man 500 Demonstranten verschwinden lässt

Schon Stalin wusste dass es nur darauf ankommt, wer zählt und wie gezählt wird. Auch für die Schätzungen von Menschenmassen gilt dieses, denn je nachdem wer diese durchführt, fällt die Höhe der Schätzung anders aus. Dieses ist unter anderen Sympathien beziehungsweise Antipathien geschuldet. So können die Werte höher oder niedriger ausfallen, neutrale Einschätzungen der Medien sind eher selten zu finden, wie man spätestens seit der Inauguration von Donald Trump wissen dürfte. Der amerikanische Präsident ist jetzt aber kein Thema, denn auch in Greifswald hat die Presse ein offensichtliches Problem mit dem Zählen, wie man nur zu gut bei der Berichterstattung über die Menschenkette für Arndt sehen konnte, zu welcher die Bürgerinitiative Ernst Moritz Arndt bleibt am vergangenen Wochenende aufgerufen hatte. Der Nordkurier titelt 500 Greifswalder bilden Menschenkette für Arndt, die DPA und damit der gesamte deutsche Copy & Paste-Journalismus, spricht von 600 Teilnehmern, ebenso der NDR, mit einer Schätzung von 600 bis 700 Leuten ist die Ostsee-Zeitung immerhin noch am nahesten an der Wahrheit, aber trotzdem noch sehr weit weg.

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Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der Aufstellung, stellenweise standen die Leute noch zu dicht nebeneinander, so dass sich woanders Lücken auftaten, unter anderem vor dem Dom, schloss sich die Menschenkette und das symbolische Ziel einer Umarmung von Stadt und Universität war erreicht. Und jetzt steht die Berichterstattung vor dem Problem der Plausibilität, denn die von der Presse genannten Zahlen und die Realität passen irgendwie nicht zueinander. Die bewältigte Strecke ist laut Google-Maps etwa 1300 Meter lang, bei den vom Nordkurier genannten 500 Leuten wären das 2,60 Meter pro Person, bei 700 Leuten laut Ostsee-Zeitung wären das 1,85 pro Person. Was beides nicht glaubhaft ist, denn schon anatomisch ist eine Menschenkette so nicht machbar. Um eine halbwegs realistische Schätzung für die Menschenkette zu bekommen, muss man sich von den gefühlten Realitäten verabschieden und die Sache mit simpler Mathematik lösen.

Umso dichter man nebeneinander steht, umso mehr Leute benötigt man um die Kette zu schließen. Auf den Bildern der Berichterstattung kann man gut erkennen, dass die Teilnehmer der Menschenkette mit etwa 45 Grad angewinkelten Armen oder weniger dastehen, von einigen Ausnahmen einmal abgesehen. Bei einer sehr groben Annahme, dass es durchschnittlich etwa 1,20 Meter sind, die jeder Teilnehmer überbrückt, kann man mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit von einer Anzahl von etwa 1000 bis 1100 Menschen ausgehen, die am Samstagnachmittag an der Menschenkette für Arndt teilgenommen haben. Die Betonung liegt hierbei aber auf Menschenkette, denn an der späteren Kundgebung haben dank des eisigen Wetters nicht alle teilgenommen, beziehungsweise sind nicht bis zum Schluss geblieben. Und hier dürfte wohl der Grund der fehlerhaften Berichterstattungen zu finden sein, welche die Teilnehmer der Menschenkette mit den Teilnehmern der Demonstration gleichgesetzt haben, denn diese waren wohl viel leichter zu schätzen.