Made in Greifswald – Ines Giese : Die Steinaxt oder Berta von der Solvang rettet die Welt

Ines Giese - Die Steinaxt (Cover)
Ines Giese - Die Steinaxt (Cover)

Es ist für gewöhnlich das Leben, welches die schönsten Geschichten schreibt, wobei „schön“ durchaus relativ zu sehen ist, denn jeder versteht darunter etwas anderes. Für diese Geschichte kann man dieses Adjektiv durchaus verwenden, denn in dieser trifft ein emeritierter Hochschulprofessor auf eine ungewöhnliche Putzfrau und verliebt sich … nicht in sie, sondern in die ersten Seiten eines ihr vorschwebenden Romans, in dem sie ihr nicht gerade positiv verlaufenes Leben literarisch verarbeiten wollte, welche sie auf seinem Schreibtisch hinterließ. Was er vor sich liegen hatte, war für ihn der sprichwörtliche Diamant, der noch geschliffen werden musste, um seinen vollen Glanz erstrahlen zu können. Also beschloss er, das versteckte Talent in der Frau freizulegen, die bisher bei ihm für Ordnung sorgte, und ihr als erfahrener Lektor unter die Arme zu greifen.

Zumindest die Greifswalder Literaturszene, die dann doch recht als überschaubar zu betiteln ist, dürfte spätestens jetzt wissen, dass es sich bei dem emeritierten Hochschulprofessor der Geschichte um niemand anderen als Walter Baumgartner handelt, der viele Jahre den Lehrstuhl für neuere skandinavische Literaturen an der hiesigen Universität innehatte. Der Namen von Ines Giese, seiner literarischen Entdeckung, steht in weißen Lettern auf dem Cover des Romans, den sie den Titel Die Steinaxt oder Berta von der Solvang rettet die Welt gegeben hat. Das Motiv des Covers wiederum zeigt einen Strand, einen Ort an dem die Protagonistin des Buches nicht nur Bernsteine findet, sondern auch die besagte Steinaxt, welche es in den Titel ihres Romans geschafft hat. Dabei war dieser Roman alles andere als vorhersehbar, denn schließlich waren es nur wenige Bücher, die Ines Giese in ihrem bisherigen Leben gelesen haben soll.

Anzeige

Aufgewachsen bei Lubmin, erfährt die ausgebildete Wirtschaftskauffrau nach der politischen Wende ein Leben mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Ein-Euro-Jobs, zieht trotz der widrigen Umstände ihre beiden Kinder alleine groß. Diese kommen genauso selbstverständlich in ihrem Roman vor, wie all die anderen Leute, denen sie begegnet ist, und deren Begegnungen nicht immer positiv waren. Als Menschenwegwerfgesellschaft betitelt die Autorin die heutige Gesellschaft, eine Vokabel, die viele Menschen durchaus berechtigt finden dürften, die so wie die Autorin unter die Räder der nicht mehr wirklich existierenden sozialen Marktwirtschaft gekommen sind. Im Gegensatz zu ihren zahlreichen Leidensgenossen formulierte sie aber ihre Enttäuschung über die Welt in ehrlich offene Worte.

Sie lässt dabei aber auch die positiven Erfahrungen des Lebens in ihre Texte einfließen, so dass das Gesamtergebnis zwar recht ernsthaft ausfällt, trotzdem aber viel Platz für ihren Humor lässt. Sich selbst bezeichnet die Autorin als „verrücktes Huhn“, was man an den vielfältigen Reaktionen derjenigen Leute bemerken kann, die sich diesen Roman vorgenommen haben, und so mit der Protagonistin in ihre Welt eingetaucht sind, die nicht nur aus ihrer Plattenbauwohnung in Schönwalde I besteht, sondern auch einen sehr persönlichen Blick auf die Stadt am Ryck und ihre Menschen bietet. Fast vierhundert Seiten sind es geworden, der die mehr oder weniger verrückte Welt der Ines Giese in gedruckter Form für die Nachwelt dokumentiert. Ihre Geschichten enden mit einem persönlichen Nachwort ihres Lektors und Förderers Walter Baumgartner, der übrigens auch dafür sorgte, dass der Roman im kleinen Greifswalder Karl Lappe Verlag erscheinen konnte.

Informationen
ISBN-10 3981765524
ISBN-13 978-3981765526
Taschenbuch 382 Seiten
Karl-Lappe Verlag Greifswald