Der Greifswalder Fischstäbchenkrieg oder Eine OTV probt den Zwergenaufstand – Ein Kommentar

Modelle für den Kreisel
Modelle für den Kreisel

Manchmal bleibt einem nichts Anderes übrig, als den Stift aus der Hand zulegen und innerlich mit dem Kopf zu schütteln, als die getätigte Aussagen ernst zu nehmen, welche auch nur einen Hauch von Realitätssinn vermissen lassen. Ein solcher Moment ereilte den Autor während des Pressetermins anlässlich der Bekanntgabe des favorisierten Entwurfs für das Kunstwerk, welches zukünftig seinen Platz auf dem neuen Kreisel in der Lomonossowallee finden soll. Nachdem bekanntgegeben wurde, dass die Skulptur Heimkehr der in Rostock beheimateten Bildhauerin Julia Kausch von der Jury favorisiert wurde, meldete sich der ehemalige Vorsitzende der Ortsteilvertretung Peter Multhauf mit einer Stellungnahme zu Wort, die bei den anderen Mitgliedern sichtbar das Gefühl von Fremdschämen hervor ruf. Peinlicher war nur der theatralische Auftritt des derzeitigen Vorsitzenden der Ortsteilvertretung Ibrahim Al Najjar, welcher nach dem formalen Ausschluss der Entwürfe von Heinrich Zenichowski und Reinhard Buch lautstark die Sitzung verlassen haben soll.

So blieb der anwesenden Presse nur der Monolog von Peter Multhauf, der in seiner Rolle als schlechter Verlierer brillierte. Der Rundumschlag mit einer anschließenden Ankündigung, diese Angelegenheit durch die Bürgerschaft klären zu lassen, war von einem kreativen Umgang mit der Wahrheit geprägt, der seinem jahrelangen Engagement in der Ortsteilvertretung nicht gerecht wurde. Wie schon in dem einige Tage zuvor in der Ostseezeitung erschienen Artikel, in dem Ibrahim Al Najjar ernsthaft der Jury vorschreiben wollte, was sie gefälligst auszuwählen haben, wurde die Ortsteilvertretung als der Gral der Wahrheit präsentiert, der einzig und allein den Willen der Bewohner des Ortsteils vertritt. Dazu sei angemerkt, dass von den derzeitig acht Mitgliedern drei nicht im Ortsteil wohnen und so schon mal per Definition keine wirklichen Repräsentanten der hiesigen Bevölkerung sein können, welche sie nicht einmal in ihre Funktion gewählt hat, denn für die Besetzung der Posten sind einzig und allein die Fraktionen zuständig, denen nach dem Wahlergebnis der Kommunalwahl die Anzahl der Plätze zugewiesen werden.

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Auch der Wille der Bevölkerung dürfte nicht unbedingt mit dem Willen der Ortsteilvertretung übereinstimmen, zu offensichtlich war der Wille, bestimmten Künstlern einen Auftrag zuschustern zu wollen, der medial verbreitet wurde. Man erinnere sich an das Bild auf dem sich Axel Hochschild und Peter Multhauf zusammen mit Heinrich Zenichowski und Thomas Radeloff am zukünftigen Standort haben ablichten lassen, die beiden Künstler, die für die von ihnen vorgeschlagenen Ausschreibung als gesetzt galten. Das Kulturamt sollte noch einen weiteren Namen liefern, der offenbar nur als Feigenblatt dienen sollte. Nur spielte das Kulturamt dieses Spiel nicht mit, sondern schrieb weitere Künstler an. Zehn aus Mecklenburg-Vorpommern sollten so Ausschreibungsunterlagen erhalten, fünf von ihnen nahmen das Angebot an. Diese Entwürfe standen übrigens in der Ortsteilvertretung nicht zur Wahl, denn in der Tagesordnung fand sich nur der Punkt Vorstellung Modelle Kunstwerk Kreisverkehr Lomonossowallee/Dubnaring/Einsteinstraße.

Das Kulturamt stellte bei diesem Termin nur die Entwürfe vor. Der Ortsteilvertretung bleibt zwar das Recht sich dazu zu äußern, sie ist ein beratendes Gremium, aber nur in ihrem Namen, nicht im Namen der Bevölkerung des Ortsteiles. Das wäre ungefähr so dreist, als ob die Bürgerschaft den Willen der Greifswalder für sich in Anspruch nehmen würde. Und so kam man auf die glorreiche Idee, die anwesenden Besucher als Querschnitt der Bevölkerung zu deklarieren und für sich einzunehmen. Dumm nur, dass diese größtenteils nur wegen ihres Antrags für Geld aus dem Ortsteilbudget da waren. Und dort wo Geld nach Gutsherrenart verteilt wird, gibt man besser keine Widerworte. Und so war nachdem das Geld verteilt worden ist, der Kreis an interessieren Leuten plötzlich sehr sehr klein. Es sollen nur noch drei Gäste gewesen sein. Da war das Interesse deutlich größer bei den Leuten aus dem Stadtteil, die den Weg zur Präsentation in das Kulturamt auf sich nahmen und ihre Meinungen zu den Entwürfen kundtaten. Dieses taten sie ausführlich und ihre Bewertungen flossen ebenso wie die Meinung der Ortsteilvertretung in die Bewertung der Jury mit ein.

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Die Jury hat daher schon die Meinungen aus der Bevölkerung berücksichtigt, diese wichen nur deutlich vom Votum der Ortsteilvertretung ab, von deren Mitgliedern, wie man dem Abstimmungsergebnis entnehmen kann, gerade einmal fünf bei der Versammlung anwesend waren. Das dreisteste der Stellungnahme war aber die Aussage, dass die drei nicht anwesenden Jurymitglieder nicht hätten abstimmen dürfen. Diese taten ihre Wertungen übrigens im Vorfeld schriftlich kund, denn sie waren aufgrund von Lehrveranstaltungen verhindert. Die Bildhauerin Julia Kausch war übrigens die einzige, die sich ernsthaft mit den Ausschreibungsbedingungen beschäftigt hat. In ihrer Figur vereint sie viele Details miteinander, von Caspar David Friedrich über die Geschichte des Stadtteils bis hin zu einer Anekdote aus dem Leben Lomonossows, der auch im Winter barfuß zur Schule ging. So trägt die Figur das Wissen in Form eines Buches in der Hand, barfuß schreitet sie in Blickrichtung der Universität, auf einem Betonsockel stehend, der das hiesige Betonwerk symbolisiert, das einst die Baustoffe lieferte, mit denen Schönwalde errichtet wurde.

Dass dieses die kunstinteressierten Bürger des Stadtteils eher ansprach, als die an Stäben befestigte Fische und Koggen, ein Motiv, welches mit dem kilometerweit entfernten Wasser nichts zu tun hat, dürfte leicht verständlich sein. Ein passenderer Standort wäre in Wassernähe oder in Verbindung mit einem Springbrunnen, der dann auch irgendwo in Schönwalde stehen könnte. Wozu gibt es eigentlich ein Ortsteilbudget, wenn dieses nicht sinnvoll verwendet wird? In anderen Ortsteilen funktioniert es doch auch. In Wieck wurde damit ein Adventsmarkt realisiert und die Leute sehen, wo das Geld aus dem Bürgerhaushalt geblieben ist. Eine Hälfte wird im Dezember bewilligt, die andere Hälfte im Januar, schon hat man das Budget für eine größere Investition zusammen. Das kann man übriges wie eine Sitzbank unter ergänzende Ausstattung verbuchen. Diese Angelegenheit in der Bürgerschaft tragen zu wollen, zeugt jedenfalls von wenig Demokratieverständnis, die vorhandenen Möglichkeiten nicht zu nutzen, von wenig Kompetenz.



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